Sinne

Wellensittiche nehmen ihre Umgebung über fünf Sinne wahr: sehen, hören, tasten, schmecken und riechen. Durch ihre andersartige Lebensweise sind ihre Sinne aber anders ausgeprägt als beim Menschen. Außerdem haben Wellensittiche möglicherweise wie andere Vogelarten auch einen sogenannten Magnetsinn.

Sinne
Wilde Wellensittiche beim Trinken und Baden
von Jim Bendon from Karratha, Australia (budgergahs at water_1) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Sehen – am Tag der wichtigste der fünf Sinne

Wellensittiche haben ihre Augen seitlich am Kopf. Dadurch haben sie ein sehr großes Sichtfeld und können auch Fressfeinde erkennen, die sich von der Seite oder von schräg hinten nähern.

In der Grundstellung sind die Augen seitlich ausgerichtet. Die beiden Gesichtsfelder überschneiden sich vor dem Schnabel. Der Bereich des räumlichen Sehens, der durch das Zusammenspiel beider Augen zustande kommt, ist daher sehr klein. Wellensittiche können ihre Augen aber auch nach vorn ausrichten, um den Bereich des räumliches Sehens vor dem Schnabel zu vergrößern (z.B. bei der Nahrungsaufnahme).

Wellensittiche haben eine sehr hohe Sehleistung von rund 150 Bildern pro Sekunde (Mensch: 16 bis 23 Bilder). Damit können sie Fressfeinde blitzschnell erkennen und Hindernissen während ihres schnellen Flugs ausweichen.

Wellensittiche sehen mehr Farben als der Mensch. Zusätzlich zu dem für das menschliche Auge sichtbaren Farbspektrum von Violett bis Dunkelrot sehen Wellensittiche auch Farben im ultravioletten Bereich und nehmen mehr Farbunterschiede wahr.  Wellensittiche sehen die Welt somit bunter als der Mensch.

Das Sehen von Farben im UV-Spektrum hilft wilden Wellensittichen bei der Nahrungssuche. Viele reife Samen reflektieren UV-Licht und sind somit für die Vögel schon von weitem erkennbar.

Auch in der Mauser spielt das UV-Sehen möglicherweise eine wichtige Rolle. Die Hornscheiden von neu wachsenden Kopffedern reflektieren UV-Licht, so dass mausernde Wellensittiche für die anderen Schwarmmitglieder leicht zu erkennen sind. Der Sinn dahinter ist vermutlich, dass mausernde Wellensittiche körperlich nicht in der besten Verfassung für eine Brut sind und andere Schwarmmitglieder sich mit einem mausernden Wellensittich nicht paaren sollen.

Schließlich hat das UV-Sehen bei Wellensittichen wahrscheinlich auch eine Funktion bei der Partnersuche. Die Kehltupfen, das Stirngefieder und das Wangengefieder reflektieren UV-Licht, was die Vögel attraktiv für potenzielle Partner macht.

Weniger ausgeprägt ist die Lichtempfindlichkeit. In der Dämmerung können Wellensittiche  weniger Konturen erkennen als der Mensch. In der Dunkelheit können sich Wellensittiche visuell überhaupt nicht orientieren.

Hören – in der Nacht der wichtigste der fünf Sinne

Wellensittiche haben ein sehr gutes Gehör. Sie nehmen Töne in einem Frequenzbereich von 40 bis 20.000 Hz wahr. Damit können sie vor allem in der Dämmerung und in der Dunkelheit, wenn sie nicht mehr gut sehen, nahekommende Fressfeinde frühzeitig hören und fliehen.

Im Bereich von 1.000 bis 2.000 Hz hören Wellensittiche am besten. Das ist auch die Tonhöhe, in der sie im Schwarm miteinander kommunizieren. Gesang, Kontaktrufe und Warnrufe sind ihre wesentlichen Kommunikationsmittel. Die Lautäußerungen sind allerdings nur teilweise angeboren. Jeder Schwarm hat sein eigenes Lautrepertoire. Ein Wellensittich, der neu in einen Schwarm kommt, muss den “Dialekt” des Schwarms daher erst nach und nach lernen.

Tasten

Wellensittiche haben einen sehr feinen Tastsinn in der Zunge und wahrscheinlich auch im Schnabel. Damit können sie Nahrung und Gegenstände nach Größe, Form und Beschaffenheit überprüfen.

Außerdem ist die Haut am gesamten Körper berührungsempindlich. Das bedeutet, dass ein Wellensittich, der mit einem Flügel ein Hindernis streift, dies an der Stelle seines Körpers spürt, an der die entsprechenden Federn in der Haut stecken.

Zum Tastsinn gehören auch die Brutflecken. Dies sind gut durchblutete Hautstellen auf der Brust der Wellensittichweibchen, mit denen brütende Weibchen Bewegungen im Ei oder das bevorstehende Schlüpfen des Kükens wahrnehmen können.

Zum Tastsinn wird auch der sehr feine Vibrationssinn gezählt, der in den Beinen sitzt. Damit nehmen Wellensittiche kleinste Erschütterungen im Boden und Vibrationen von Ästen wahr. Das ist überlebenswichtig, um heranschleichende Fressfeinde frühzeitig erkennen und fliehen zu können. Wahrscheinlich deshalb sind bei Hauswellensittichen Schaukeln, die wohl als bewegliche, auf Vibrationen reagierende Äste wahrgenommen werden, als Nacht-Schlafplätze so beliebt.

Schmecken

Der Geschmacksinn von Wellensittichen ist weniger stark ausgeprägt als der menschliche Geschmackssinn. Trotzdem können auch Wellensittiche die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig unterscheiden.

Außerdem haben auch Wellensittiche unterschiedliche Futtervorlieben. Das kann man leicht daran erkennen, dass nicht alle Wellensittiche in einem Schwarm dieselben Nahrungsmittel mögen. Während ein Wellensittich ein bestimmtes Obst liebt und gierig darüber herfällt, wird das gleiche Obst von einem anderen Wellensittich möglicherweise ausgespuckt oder – wenn er es schon kennt – gar nicht erst angerührt.

Schärfe zählt nicht zu den Geschmacksrichtungen, da sie nicht von den Geschmacksrezeptoren auf der Zunge, sondern von Wärmerezeptoren in der Mundschleimhaut wahrgenommen wird. Anders als Menschen nehmen Wellensittiche geschmackliche Schärfe nicht als schmerzhaft wahr, da sie keine Rezeptoren für den Stoff Capsaicin haben, das zum Beispiel Chili scharf macht.

Riechen

Über den Geruchssinn von Wellensittichen ist wenig bekannt. Es ist unklar, wie stark der Geruchssinn ausgeprägt ist und wie Wellensittiche ihren Geruchssinn nutzen.

Bisher wurde der Geruchssinn von Vögeln im Allgemeinen als gering ausgeprägt eingeschätzt. Neuere Studien weisen jedoch darauf hin, dass Vögel doch einen starken Geruchssinn besitzen, den sie bei der Nahrungssuche, zur räumlichen Orientierung und zum gegenseitigen Erkennen einsetzen können.

Magnetsinn

Die fünf Sinne beinhalten nicht den Magnetsinn, den bestimmte Vogelarten zusätzlich haben. Der Magnetsinn ermöglicht Vögeln, sich beim Flug über weite Strecken auch am Erdmagnetfeld zu orientieren. Es ist bisher nicht wissenschaftlich bewiesen, dass Wellensittiche einen Magnetsinn haben.