Wellensittichzucht

Der britische Naturforscher George Shaw entdeckte die wilden Wellensittiche in Australien im Jahr 1805. Schon bald darauf wurden die ersten Wellensittiche nach Europa exportiert. Damit begann auch die Wellensittichzucht.

Wellensittichzucht zahme Wellensittiche
Zahme Wellensittiche
von St. Nerol [CC0], vom Wikimedia Commons

Export aus Australien und Anfang der Wellensittichzucht

Die ersten Wellensittiche kamen 1840 mit dem britischen Ornithologen John Gould (1804-1881) nach England.  Schon sechs Jahre später gelang einem französischen Züchter zum ersten Mal die Nachzucht von Wellensittichen.  Im Jahr 1850 zeigte schließlich eine Vogelausstellung in Antwerpen zum ersten Mal auch Wellensittiche.

Die Begeisterung des Publikums für die kleinen bunten Wellensittiche war so groß, dass man kurz darauf mit dem  gezielten Export von Wellensittichen aus Australien begann. Dafür wurden Wellensittiche in großen Mengen mit Netzen eingefangen, in Käfige gepfercht und auf Schiffen nach Europa transportiert. Viele Vögel starben an den Strapazen der mehrwöchigen Reise.

Bereits 1894 erließ Australien ein Exportverbot, um den Bestand der wilden Wellensittiche zu schützen. Dieses Exportverbot gilt bis heute.

Wellensittichzucht im 19. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhunderts

In Europa wurde der Wellensittich als Haustier schnell sehr beliebt. Er eroberte die Herzen der Menschen mit seinem hübschen Erscheinungsbild, seinem fröhlichen Gezwitscher, seiner hohen Intelligenz und seiner schnellen Zutraulichkeit gegenüber Menschen.

Die schnell steigende Nachfrage deckte man zunächst durch den groß angelegten Import von Wellensittichen aus Australien. Dies war ein profitables Geschäft, mit dem sich bis zum Erlass des australischen Ausfuhrverbots viel Geld verdienen ließ.

Neben dem Importgeschäft entstanden kommerzielle Zuchtbetriebe in Frankreich, England und Deutschland. Dort wurden Wellensittiche massenhaft nachgezüchtet. Die Sterblichkeitsrate war allerdings sehr hoch, weil die Haltungsbedingungen schlecht waren und  sich Infektionskrankheiten ausbreiteten. Viele junge Wellensittiche in diesen Zuchtbetrieben starben auch im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. So musste zum Beispiel ein  französischer Züchter 120.000 Wellensittiche töten, da sich die Vögel durch den kriegsbedingten Rückgang der Nachfrage nicht mehr verkaufen ließen.

Ende der Massenzucht von Wellensittichen nach Psittakose-Epidemie

Um das Jahr 1930 brach in vielen Zuchtbetrieben die Psittakose aus. Die Psittakose (auch Papageienkrankheit genannt) ist eine Infektionskrankheit, die von dem Bakterium Chlamydophila psittaci hervorgerufen wird. Ohne Behandlung kann die Psittakose tödlich verlaufen und sich auch auf andere Tiere und den Menschen übertragen. Heute kann man die Psittakose mit Antibiotika gut behandeln. In den 1930er Jahre war das aber noch nicht möglich, so dass die Psittakose-Epidemie in den Zuchtbetrieben die Massenzucht von Wellensittichen beendete.

In den folgenden Jahren entstanden gesetzliche Regelungen zur Bekämpfung der Psittakose. So wurde 1934 in Deutschland ein erstes Gesetz zur Bekämpfung der Papageienkrankheit erlassen. Später folgte die Verordnung zum Schutz gegen die Psittakose und Ornithose (Psittakose-Verordnung). Die Psittakose-Verordnung wurde im Jahr 2012 aufgehoben.

Wellensittichzucht heute

Heute züchtet man Wellensittiche als Nachschub für den Heimtiermarkt und als Schautiere für Vogelausstellungen.

Die als Nachschub für den Heimtiermarkt gezüchteten Wellensittiche sind vom Körperbau und Aussehen her ihren australischen Vorfahren am ähnlichsten, da es bei ihnen besonderen Zuchtkriterien in Bezug auf Körpergröße oder Art des Gefieders gibt. Traditionell nennt man sie in Deutschland Hansi-Bubis, da Hansi und Bubi viele Jahre lang die beliebtesten Wellensittich-Namen waren.

Hansi-Bubi-Männchen mit Standardwellensittich-Weibchen
Hansi-Bubi-Männchen mit Standardwellensittich-Weibchen

Schauwellensittiche werden nach nach bestimmten Vorgaben (Standards) von Züchterverbänden gezüchtet. Daher nennt man sie im deutschen Sprachraum Standardwellensittiche.

Als Standards sind bestimmte körperliche Merkmale definiert, die durch gezielte Zucht erreicht werden sollen. Standardwellensittiche sind etwa einen Kopf größer als Hansi-Bubis und mit 50 bis 55 Gramm Körpergewicht entsprechend schwerer. Sie haben oftmals ein buschiges Gefieder, das bei einigen Vögeln sogar so weit über die Augen geht, dass es beim Sehen stört. Standardwellensittiche sind ruhiger und träger und nicht so gute Flieger wie Hansi-Bubi-Wellensittiche. Sie sind krankheitsanfälliger und neigen, da sie weniger agil sind, zur Verfettung und damit auch zur Entwicklung von Tumoren.

Als Mischform zwischen den kleinen Hansi-Bubis und den großen Standardwellensittichen haben sich schließlich die Halbstandards herausgebildet.

Wellensittichzucht und ihre Folgen

Die Nachzucht von Wellensittichen hat dazu geführt, dass sich Hauswellensittiche heute optisch von den wilden Wellensittichen in Australien unterscheiden. Nach über 150 Jahren Wellensittichzucht sind Hauswellensittiche größer und schwerer als ihre wilden Vorfahren und außerdem in rund 100 verschiedenen Farbschlägen zu haben.

Wie viele andere Haustierarten gelten Wellensittiche in Deutschland heute als überzüchtet. Die Folge ist eine höhere Krankheitsanfälligkeit und eine sinkende Lebenserwartung. Während vor wenigen Jahrzehnten Wellensittiche in Deutschland noch ein Alter von 10 bis 15 Jahren erreichten, werden viele Wellensittiche heute nur bis 5 bis 8 Jahre alt.