Wellensittichzucht

Der britische Naturforscher George Shaw (1751-1813) war der erste, der sich wissenschaftlich mit der Vogelwelt Australiens beschäftigte. Er entdeckte den Wellensittich im Jahr 1805. Von diesem Zeitpunkt ab eroberte der Wellensittich als eines der beliebtesten Haustiere Europa und die Welt.

Zahme Wellensittiche
Zahme Wellensittiche
von St. Nerol [CC0], vom Wikimedia Commons

Export aus Australien

Die ersten lebenden Wellensittiche kamen 1840 mit dem britischen Ornithologen John Gould (1804-1881) nach England.  Nur sechs Jahre später gelang einem Züchter in Frankreich zum ersten Mal die Nachzucht von Wellensittichen.  Im Jahr 1850 wurden Wellensittiche dann auf einer Vogelausstellung in Antwerpen gezeigt.

Die Begeisterung des Publikums für die kleinen bunten Papageien war so groß, so dass man kurz darauf mit dem  gezielten Export von Wellensittichen aus Australien begann. Dafür wurden Wellensittiche in großen Mengen mit Netzen eingefangen, in Käfige gepfercht und auf Schiffen nach Europa transportiert. Viele Vögel überlebten die Strapazen der mehrwöchigen Reise nicht.

Zum Glück setzte die australische Regierung diesem Treiben recht schnell ein Ende und erließ zum Schutz des australischen Wellensittichbestandes im Jahr  1894 ein Exportverbot, das bis heute gilt.

Wellensittichzucht im 19. Jahrhundert

In Europa wurde der Wellensittich als Haustier schnell sehr beliebt. Er eroberte die Herzen der Menschen mit seinem hübschen Erscheinungsbild, seinem fröhlichen Gezwitscher, seiner hohen Intelligenz und seiner schnellen Zutraulichkeit gegenüber Menschen.

Die schnell steigende Nachfrage wurde zunächst durch den großangelegten Import von Wellensittichen aus Australien gedeckt. Dies war ein profitables Geschäft, mit dem sich bis zum Erlass des australischen Ausfuhrverbots für Vögel viel Geld verdienen ließ.

Neben dem Importgeschäft entstanden kommerzielle Zuchtbetriebe in Frankreich, England und Deutschland, in denen Wellensittiche massenhaft gezüchtet wurden. In diesen Großbetrieben herrschten allerdings so schlechte Haltungsbedingungen, dass sich Infektionskrankheiten ausbreiteten und die Sterblichkeitsrate unter den Vögeln sehr hoch war.

Viele junge Wellensittiche in diesen Betrieben starben auch im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. So musste zum Beispiel ein  französischer Züchter 120.000 Wellensittiche töten, da sich die Vögel durch den kriegsbedingten Rückgang der Nachfrage nicht mehr verkaufen ließen.

Um das Jahr 1930 brach in vielen Zuchtbetrieben die Psittakose  (Ornithose, Papageienkrankheit) aus. Bei der Psittakose handelt es sich um eine durch das Bakterium Chlamydophila psittaci hervorgerufene Infektionskrankheit, die ohne Behandlung tödlich verlaufen kann und auf andere Tiere und den Menschen übertragbar ist. Heute ist die Psittakose mit Antibiotika gut behandelbar. In den 1930er Jahre war dies aber noch nicht möglich, so dass die Psittakose-Epidemie in den Vogelzuchtbetrieben das Ende der Massenzucht von Wellensittichen bedeutete. Außerdem entstanden in den folgenden Jahren gesetzliche Regelungen zur Bekämpfung dieser auf den Menschen übertragbaren Tierseuche. In Deutschland wurde 1934 ein erstes Gesetz zur Bekämpfung der Papageienkrankheit erlassen; in späteren Jahren folgte die Verordnung zum Schutz gegen die Psittakose und Ornithose (Psittakose-Verordnung). Die Psittakose-Verordnung wurde im Jahr 2012 aufgehoben.

Hansi-Bubi, Standard und Halb-Standard

Gezüchtet werden Wellensittiche heute als Nachschub für den Heimtiermarkt und als Schautiere für Vogelausstellungen.

Die als Nachschub für den Heimtiermarkt gezüchteten Wellensittiche sind vom Körperbau und Aussehen her ihren australischen Vorfahren am ähnlichsten, da bei ihnen keine besonderen Zuchtkriterien in Bezug auf Körpergröße oder Art des Gefieders vorgegeben werden. Traditionell werden sie in Deutschland Hansi-Bubis genannt, da Hansi und Bubi über viele Jahre hinweg die beliebtesten Wellensittichnamen waren.

Hansi-Bubi-Männchen mit Standardwellensittich-Weibchen
Hansi-Bubi-Männchen mit Standardwellensittich-Weibchen

Schauwellensittiche für Vogelausstellungen werden nach nach bestimmten Vorgaben (Standards) von Züchterverbänden gezüchtet. Daher werden sie im deutschen Sprachraum Standardwellensittiche genannt.

Als Standards sind bestimmte körperliche Merkmale definiert, die durch gezielte Zucht erreicht werden sollen. Standardwellensittiche sind etwa einen Kopf größer als Hansi-Bubis und mit 50 bis 55 Gramm Körpergewicht entsprechend schwerer. Sie haben oftmals ein buschiges Gefieder, das bei einigen Vögeln sogar so weit über die Augen geht, dass es beim Sehen stört. Standardwellensittiche sind durch ihre Größe und ihr Gewicht ruhiger und träger und nicht so gute Flieger wie Hansi-Bubi-Wellensittiche. Sie sind krankheitsanfälliger und neigen, da sie weniger agil sind, zur Verfettung und damit verstärkt zur Entwicklung von Tumoren.

Als Mischform zwischen den kleinen Hansi-Bubis und den großen Standardwellensittichen haben sich die Halbstandards herausgebildet.

Wellensittichzucht und ihre Folgen

Die Nachzucht von Wellensittichen hat dazu geführt, dass sich Hauswellensittiche heute optisch von den wilden Wellensittichen in Australien unterscheiden. Nach über 150 Jahren Wellensittichzucht sind Hauswellensittiche grundsätzlich größer und schwerer als ihre wilden Vorfahren und außerdem in rund 100 verschiedenen Farbschlägen zu haben.

Wie viele andere Haustierarten gelten alle Wellensittiche heute als überzüchtet. Die Folge ist eine höhere Krankheitsanfälligkeit und eine sinkende Lebenserwartung. Während vor wenigen Jahrzehnten Wellensittiche in Deutschland noch ein Alter von 10 bis 15 Jahren erreichten, erreichen viele Wellensittiche heute nur noch ein Alter von 5 bis 8 Jahren.